6. Oktober 2023 I Newsletter

3 Fragen an:

Daniel Kroh, Herrenschneider und Designer

Vom Blaumann zum Designerstück: Daniel Kroh kreiert schon seit mehr als 15 Jahren aus ausgemusterter Arbeitskleidung neue, einzigartige Mode. 2021 gründete der Berliner Designer gemeinsam mit Fidel Peugeot die Plattform „Ministry of Upcycling“. Was sich dahinter versteckt und warum ihn gerade Workwear inspiriert, verrät Daniel Kroh im Interview.
 
Daniel Kroh hoch
Foto: Stephan Brendgen

Name: Daniel Kroh

Wohnort: Berlin-Wedding

Alter: 46

Beruf: Herrenschneider und Designer

Der beste Rat, der mir je gegeben wurde: In der Ruhe liegt die Kraft.

Mein wichtigstes Kleidungsstück: Ein maßgeschneidertes KROH-Sakko aus Zimmermannshosen – robust, unkompliziert, lässig.

Mein liebster Upcycling-Hack: erst reißen, dann filetieren, dann neu komponieren.

Ein Lieblingsort in Berlin: unser Studio in der Osloer Straße 16.
Inspiration finde ich: fast immer. 

Du entwickelst bereits seit 2006 aus getragener Arbeitskleidung neue Mode. Warum gerade Arbeitskleidung?
Als ich 2005 vor großen Containern mit aussortierter Arbeitsbekleidung stand, wusste ich: Das muss ich retten. Das robuste Material hatte es mir sofort angetan. Also wühlte ich mich durch die Textilberge und die erste Tonne war schnell gesammelt. Dann begann ich damit zu experimentieren. Was ist damit möglich und wie kann ich es in neue Produkte transformieren? Die ersten Prototypen entstanden relativ schnell und hatten einen speziellen Charme. Ziel war es von Anfang an, die Gebrauchsspuren harter Arbeit in das Design zu integrieren.

Das können Brandlöcher, Malerflecken, geflickte Stellen oder schöne Schatten von abgetrennten Teilen sein. Dadurch ist jedes Stück der Kollektion ein Unikat.

Inwieweit hat sich seit deiner beruflichen Anfangszeit die Modebranche im Hinblick auf Nachhaltigkeit bzw. der Einstellung zu Themen wie Upcycling verändert?
Auch schon 2006 hatten wir viel positive Resonanz auf das Thema Upcycling von Workwear, wurden aber auch immer wieder belächelt. Heute ist es ein Trend, sich mit Recycling und neuen Wege für die Verwertung von Ausrangiertem zu beschäftigen. Und das ist gut so!

In den Medien, in Unternehmen und auch an den Hochschulen wird das Thema viel stärker behandelt als noch vor 20 Jahren. Auch die Akzeptanz in der Gesellschaft ist breiter geworden. Neue Lösungen zur Wiederverwendung von Textilien zu finden, um ökologisch verträgliche Mode zu entwickeln und zu produzieren, ist meiner Meinung nach die wichtigste Aufgabe unserer Branche. Noch sind wir aber Nische, wenn man den gesamten Markt betrachtet. Es gibt also noch viel zu tun.

2021 haben du und Fidel Peugeot das Label „Ministry of Upcycling“ gegründet. Was versteckt sich dahinter und was ist euer Ziel?
Wir verstehen uns als Link zwischen Modeunternehmen, Textilindustrie, Upcycling-Produzent:innen, Öffentlicher Hand und Gestalter:innen. In unseren Kollektionen verarbeiten wir heute circa fünf Tonnen Alttextilien pro Jahr, daraus entstehen dann ungefähr 2.000 neu designte Kleidungsstücke und Accessoires. Diese Zahlen jedes Jahr zu steigern ist unser großes Ziel. Wertstoffe retten – je mehr desto besser.

Ein Beitrag dazu sind unsere Re&Up Sweatshirts, welche mit plakativen, großformatigen Art-Prints in limitierter Auflage bedruckt sind. Diese Re&Up Sweatshirts haben mehr als einen Lebenszyklus: Nachdem die Kleider in der Industrie getragen wurden, werden sie von uns übernommen und neu designt. Die Qualität der gebrauchten Ware ist top und kann noch viele Male getragen werden. Sollte jemand irgendwann die Kleidung dann wirklich entsorgen wollen, schlagen wir vor, die hochwertigen Drucke zu rahmen und an die Wand zu hängen. Somit hat man ein schönes Andenken, verlängert die Lebensdauer des Produkts und hat nun Kunst an der Wand. Um das Thema Upcycling auch einem breiten Publikum nahe zu bringen, arbeiten wir auch mit Unternehmen und Behörden zusammen und entwickeln für diese B2B-Lösungen und -Produkte.