19. November 2021 | Ausgabe 21

Über den Tellerrand

In jeder Kultur gibt es traditionelle Techniken, Ressourcen zu schonen und auf Plastik zu verzichten. Aber sie tauchen nur selten im Diskurs um Zero Waste auf. Erfinden wir gerade das Rad neu?
Wir haben Kulturtechniken der Müllvermeidung aus der ganzen Welt zusammengetragen, die auf den ersten Blick gar nicht danach aussehen.

TEXT Clara Bergmann | FOTOS Julia Karelicmerkel

Ein Händepaar hält einen mit blauen Kirschblüten bemalten Teller, dessen zerbrochene Einzelteile mit einem Goldkleber wieder zusammengesetzt wurden.

Ein weißer Fleck

Die Zero-Waste-Szene scheint vor allem voller weißer junger Menschen, die glücklich ihre Körbchen, Einweckgläser und Waschbürsten der Weltöffentlichkeit präsentieren und sich dabei sehr als Avantgarde fühlen. Dabei ist das Prinzip überall auf der Welt bekannt. Warum sehen wir das nicht?

Illustration: Ein großer weißer Fleck liegt auf einer abstrakten nordafrikanischen Stadtkulisse, die übergeht in eine bunte Palette verschiedener Gewürzhäufchen auf einem Markt, über der bunt verzierte Teppiche hängen.
ILLUSTRATION Juliane Filep
Es ist Mittwoch Abend. Ich stehe in einem kleinen Projektladen in einem Szeneviertel der Stadt Leipzig. Ein bisschen unordentlich ist es hier drin – die Sofas sind durchgesessen und die rot gestrichenen Wände abgestoßen. Auf den Tischen sind grüne Gemüsekisten aufgebaut: Zucchini, Möhren, Pak Choi, Kräuter, Bohnen. Als Teil einer Gemüsekooperative hole ich mir jede Woche meinen Anteil der Ernte ab. Ich schaue auf die Liste, wie viel sich jede:r der Gruppe mitnehmen darf, wiege das Gemüse ab und drapiere es in meinem Weidenkorb. Das sieht so schön aus, dass ich mich jedes Mal freue – unverpackte Lebensmittel sparen nicht nur Plastikfolien, Papierschalen und andere wertvolle Wertstoffe, sondern sehen auch deutlich ästhetischer aus. Die Einkäufe aus dem Supermarkt kitzeln dagegen weniger die Sinne. „Wir haben jetzt auch einen Instagram-Kanal“, sagt eine meiner Mitgärtnerinnen. „Da würdest du mit deinem hübschen Korb ja gut reinpassen.“ Ich nicke und lache verlegen, weil ich mich als Klischee eines Lifestyles ertappt fühle.
 
Unter dem Hashtag #zerowaste gibt es allein bei Instagram 8,6 Millionen Beiträge. Sie erklären, wie es Menschen schaffen können, ihren anfallenden Müll (Waste) möglichst auf null (Zero) zu reduzieren: Kosmetik selber machen, Lebensmittel durch Einwecken oder Trocknen oder Fermentieren haltbar machen, jede Menge Naturbürsten und so weiter. Aus der Idee, dass jedes Produkt unserer Konsumgesellschaft am Ende wieder in den Stoffkreislauf zurückgeführt wird, ist ein sehr ansehnlicher Lebensentwurf zum digitalen Teilen geworden. Was auffällt: Die Gesichter, die einem auf Instagram mit Mehrwegbechern oder Schrubbern in der Hand anlächeln, sind auffällig oft junge, westliche, privilegierte Personen um die 30 Jahre (siehe Interview). Sie inszenieren ihr ökologisches Bewusstsein nach dem Vorbild von Bea Johnson. Die US-Amerikanerin lebt seit 2008 mit ihrer Familie ein müllfreies Leben und ist mit ihrem Einweckglas, in dem sie den Restmüll eines ganzen Jahres zu Anschauungszwecken sammelt, als „Mutter des Zero-Waste-Lifestyles“ (CNN) beschrieben worden. Auf ihrem Instagram-Account zeigt Johnson ihren etwa 200.000 Follower:innen, wie ihr Zero-Waste-Abendessen aussieht oder welche Wurmkisten sie auf ihren weltweiten Vortragsreisen gefunden hat. Ihrem Vorbild folgten unzählige weitere Aktivistinnen hauptsächlich aus Europa und den USA, die ihre Erfahrungen auf Instagram, Tiktok, Youtube oder in Blogs weitererzählen.
 
Noch mit dem dekorativen Körbchen vor meinen Gemüsekisten frage ich mich: Ist die Idee des Zero Waste tatsächlich so weiß und privilegiert, wie es mir die Bilder in Zeitschriften und im Netz suggerieren?
 
„Der plastikfreie Supermarkt, der in den vergangenen Jahren als plastikfreie Innovation in den alternativen Stadtteilen von Berlin, London oder San Francisco gefeiert wurde, ist eigentlich nur eine Kopie der alten Souks und Basare, in denen man zwischen Casa­blanca und Kalkutta schon seit Jahrhunderten einkaufen geht.“ Das schreibt der Autor Mohamed Amjahid in seinem Buch „Der weiße Fleck. Eine Anleitung zu antirassistischem Denken“. Darin zeigt das Kind marokkanischer Eltern, dass in vielen Diskursen die Erfahrungen von nicht-weißen Menschen schlichtweg überhört und übersehen werden. Ein Beispiel dafür sei auch die Zero-Waste-Szene. „In Nordafrika, im Nahen Osten, Südasien, aber auch in Europa kannten die Menschen lange Zeit keine Einwegtragetaschen, Flaschen oder Wegwerfartikel aus Plastik.“ Die Plastiktüte sei beispielsweise zuerst im Kaufhaus Horten im rheinischen Neuss 1961 herausgegeben worden. Von da aus verbreitete sie sich erst in den Globalen Süden. Heute wehen die Tüten in den Wüsten Ägyptens, verfangen sich an den Küstenlinien des Indischen Ozeans. Dass seine Oma in Marokko auf dem Markt von Meknès schon so weit gewesen sei wie jene westlichen Großstadt-Hipster mit ihren mitgebrachten Gläsern und Tüten im Unverpackt-Laden, amüsiert Amjahid geradezu. Aber es ist ernst.
 
Es gibt immer mehr Stimmen im Nachhaltigkeits-Diskurs, die wie Amjahid die blinde Selbstbezogenheit der Wohlhabenden im Norden anprangern. Bewegungen wie „Fridays for Future“ oder „Extinction Rebellion“ wird vorgeworfen, ein homogener Haufen weißer Bürgerkinder zu sein, die hauptsächlich für ihre eigene Zukunft kämpfen. Der Protestruf „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“ klingt beispielsweise in den Ohren der Umweltwissenschaftlerin Imeh Ituen wie Hohn. Sie gehört zu „Black Earth“ – einem Klimagerechtigkeitskollektiv in Berlin –und fragt in öffentlichen Debatten häufig die FFF-Aktivist:innen: Von wessen Zukunft sprecht ihr? Die Zukunft werde dem Globalen Süden bereits seit Jahrzehnten geklaut. Die klimatischen und Ressourcen-Probleme, die der Hyperkonsumismus bereits jetzt vor allem für Schwarze, indigene Menschen und People of Colour (BIPoC) Menschen verursacht, würden im hiesigen Klimadiskurs viel zu wenig abgebildet. Stattdessen folgten die Argumente häufig dem Schema „kluger, helfender Norden versus dummen, gefährlichen Süden“. Diese eurozentristische Perspektive sei gefährlich. „Wir müssen endlich anfangen, global zu denken, und aufhören, Einzelne für ihr Zero-Waste-Heldentum zu feiern“, meint auch die Journalistin Yasmine C. M’Barek in einem Aufsatz in der taz.
 
Aber wie genau kann das im Bereich der Kreislaufwirtschaft aussehen? Das Problem der fehlenden Diversität ist dort bislang auffällig wenig diskutiert worden. Dabei ist das Prinzip, nichts zu verschwenden, ja geradezu eine Spezialität ärmerer Gesellschaften. „Bei meinen Großeltern auf dem Balkan könntest du lernen, was Zero Waste wirklich bedeutet“, sagte mir einer meiner Gärtnerkollegen aus der Kooperative, der serbische Wurzeln hat. „Der Opa schneidet sogar aus alten Kartoffelsäcken noch Topfkratzer. Da wird nichts weggeworfen.“ Auch andere Freunde mit Migrationshintergrund haben in Gesprächen sofort Rezepte der Resteverwertung parat: Aus alter Wurst kocht man in Osteuropa eine würzige Soljanka, alten Käse schmilzt man in der Schweiz zu Fondue, übriges Gemüse wirft man in China in einen Hotpot. Solche Gespräche sind wichtig. Natürlich sind das einerseits tolle Hinweise, was man aus Übriggebliebenem verwerten kann. Entscheidender ist aber, dass ich mir währenddessen darüber bewusst werde, welche Traditionen, welches Wissen, welche Perspektiven anderer Kulturen ich bislang im Bereich der Kreislaufwirtschaft nicht gesehen habe, die uns aber bei der Bewältigung der Klimakatastrophe helfen können. Es geht um eine Form des Ermächtigens marginalisierter Gruppen, die auf der Suche nach anderen Formen des Ressourcenumgangs auf Augenhöhe einbezogen werden können. Denn Zero Waste ist eine Kulturtechnik, die überall auf der Welt zu finden ist. In dieser Ausgabe des TrenntMagazins möchten wir deswegen unseren Blick bewusst über den Tellerrand heben und Menschen, Objekte und Ideen vorstellen, die bislang selten mit dem Etikett „Zero Waste“ versehen wurden.

Zero Waste ist eine Kulturtechnik, die überall auf der Welt zu finden ist.


Gleichzeitig gehört zu einer globalen Perspektive auf Kreislaufwirtschaft ein erweiterter Blick – nämlich nicht nur auf den individuellen Konsum. In einer Ausstellung hat das Museum der bildenden Künste in Leipzig vor einem Jahr das Thema Zero Waste mit internationalen Künstlern möglichst global und divers betrachtet. Dabei war auch eine Arbeit des Künstlers Raul Walch, der Videos von Plastikgewächshäusern in Südspanien zeigt, in denen die Tomaten für den europäischen Markt angebaut werden. In seinen eindrücklichen Videos wird deutlich: Selbst wenn wir Tomaten also vom Wochenmarkt ohne Plastikbeutel in den Weidenkorb legen, wird vermutlich irgendwo im Produktionsprozess Plastik eingesetzt. Zero Waste ist nicht durch die Konsumentscheidung einzelner Menschen zu erreichen – weder von weißen noch von nicht-weißen. Es braucht eine gemeinsame Vision, einen gemeinsamen Willen, eine gemeinsame Perspektive.
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Eine lachende Frau mit langen braunen Haaren steht in einem Zimmer und hat sich eine bunte Decke umgehangen.

Verflickt und zugenäht

Die israelische Künstlerin Alma Alloro hat mit der uralten ­Kulturtechnik „Quilting“ eine Möglichkeit entdeckt, wie aus Flicken Kunst werden kann.

„Selbst etwas mit den Händen erschaffen zu können, ist ein unglaubliches Gefühl der Unabhängigkeit“, sagt Alma Alloro und holt eine Kiste aus ihrem blauen Regal. Vorsichtig greift sie hinein und holt eine Art Decke aus 36 blauen und hellgelben Flicken heraus. Es ist ein so genannter Quilt, eine kunstvoll genähte Steppdecke. Die erste, die sie je genäht hat – für die Künstlerin ein unschätzbarer Schatz. Jeder Flicken auf der Decke ist anders. Schaut man die Elemente Reihe für Reihe an, wirkt es wie ein Daumenkino, in dem sich dunkles Blau im hellen Gelb verschiebt. Mal ist das blaue Teil klein, mal groß, mal ein Streifen, mal eine Fläche. Es erinnert an einen abstrakten Film, der in einzelne Bilder zerlegt ist. „Ich wollte zeigen, dass auch im Zeitalter digitaler Bilderwelten solche aufwändigen Handarbeiten noch relevant sind. Sie können uns zeigen, wie animierte Filme entstehen.“ Aus dieser ersten blau-gelben Decke ist ihre Arbeit „Big Screen“ entstanden – eine Serie von großformatigen Quilts, die sie vor fünf Jahren in New York ausgestellt hat. Seitdem fertigt die gebürtige Israelin in ihrer Wahlheimat Berlin mit dieser Technik auch einzigartige Kissen aus den Stoffresten der Kunst und gibt Quilting-Workshops. Anders als in ihren aufwändigen Ausstellungsstücken kommen dort hauptsächlich Schnittreste zum Einsatz, die die Teilnehmer:innen zu neuen Decken zusammensetzen.

„Selbst etwas mit den Händen erschaffen zu können, ist ein unglaubliches Gefühl der ­Unabhängigkeit.“

Alma Alloro
 

Seit Jahrtausenden nutzen Näherinnen auf der ganzen Welt die Flickentechnik, um aus verschiedenen Stoffen ein zusammen­hängendes Stück zu machen. Das Wort „Quilt“ kommt eigentlich vom lateinischen „culcita“ und bedeutet so viel wie „ausgestopfter Sack, Kissen, Matratze“. Anfangs waren die vielen übereinandergesteppten Stoffe schlichtweg wärmer – eine starke Kältewelle im 14. Jahrhundert führte zumindest zu einer weiten Verbreitung von Quilt-Arbeiten bei Kleidung, Decken und Wandarbeiten. Aber die schier unendlichen Möglichkeiten, auf den Steppdecken eigene Formen und Muster zu erschaffen, machten aus den Textilien auch Folklore: In Nordeuropa, England, Indien, Pakistan, vor allem aber in Nordamerika waren die Quilts auch Ausdruck der jeweiligen Gruppen­identität. „Als sich die frühen amerikanischen Siedler im 17. und 18. Jahrhundert aus winzigen Stoffresten ihre eigene Kleidung nähten, entwickelten sie eigene Muster und Techniken“, erzählt Alma Alloro. Bis heute haben beispielsweise unterschiedliche Gemeinschaften der Amish verschiedene Quilt-Muster, an denen man sie erkennen kann. Und dass in Indien und Bangladesch Textilabfälle, Lumpen und abgelegte Kleidung zu kunstvollen Saris vernäht werden, hat dort zu der besonderen Tradition der Nakshi-Kantha-Quilts geführt. „Etwas Neues aus Altem zu erschaffen, ist ein natürliches Bedürfnis“, sagt Alma Alloro. „Es gehört zur Conditio humana.“

Aber egal wo auf der Welt: Es sind fast immer die Frauen, die in aufwändiger Handarbeit aus Stofffetzen, alten Textilien und überschüssigen Materialien etwas neues Kreatives erschaffen. „Welcome to my woman cave also known as the sewing room“ steht auf dem Schild über Alloros Arbeitsplatte – willkommen in meiner weiblichen Höhle, auch bekannt als Nähraum. Es steckt eine äußerst aufwändige, präzise und auch logische Arbeit in den Quilts. „Wenn Männer abstrakte Muster erschaffen, nennt man es Kunst. Wenn Frauen abstrakte Muster auf Stoff bringen, nennt man sie „dekorativ“ und „Quilts“, meint die Künstlerin Judy Chicago. „Mit solchen Doppelstandards verhindert man, dass Frauen in der Mainstream-Kunst ankommen – selbst wenn sie das thematisieren.“ Mit ihren zeitgeistigen Interpretationen von Quilting wollte Alma Alloro auch diesen Aspekt der weiblichen Arbeit in Szene setzen. „Es ist eine sehr logische und analytische Arbeit – eher verwandt mit dem Programmieren, das ja oft männlich konnotiert ist“, sagt sie. In Zukunft möchte sie sich denn auch mehr damit beschäftigen. Zurück zum Digitalen? Nicht nur. Alloro geht noch einmal zu ihrem blauen Schrank und holt behutsam einen anderen Erstling aus einer Kiste: Es ist ein Stück eines blau-gelb karierten Quilts aus recycelten Ikea-Plastiktüten. Die Geschichte des Flickenteppichs ist noch lange nicht zu Ende.

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Henkelmann und Söhne

Der Unternehmer Mustafa Demirtas hat in Indien gesehen, wie die so genannten Dabbawallas Mittagessen in wiederverwendbaren Blechbehältern ausliefern. Das inspirierte ihn, wie man auch in Berlin verpackungsfrei Essen ausliefern könnte.

Wenn in Mumbai die Mittagspause näher kommt, kommen auch die Dabbawallas. Dabba heißt auf Hindi Behälter, und ein Walla ist dessen Bote. In weißen Hemden und mit einer weißen Gandhi-Kappe auf dem Kopf transportieren die Männer mehrstöckige Metallbehälter über dutzende Kilometer. Das frisch gekochte Essen haben sie vorher vom Zuhause des Bestellers oder aus der Mittagsküche seiner Wahl abgeholt, mit einem ausgeklügelten Zeichensystem markiert und auf dem Kopf, am Lenker von Fahrrädern und Mopeds oder auf Paletten im Zug zu den Arbeitsstellen transportiert. Dass das ohne Internet, ohne Steuerungszentrale und ohne zusätzlichen Verpackungsmüll etwa 200.000 Mal am Tag super pünktlich und zuverlässig funktioniert, scheint wie ein Wunder inmitten des chaotischen Treibens indischer ­Großstädte. Es sei der zuverlässigste und ökologischste Essenslieferant der Welt, behaupten Forscher. Der Wirtschaftsprofessor Stefan Thomke von der Universität Harvard glaubt, die Zuverlässigkeit liege am Selbstverständnis der Dabbawallas: „Für sie ist der Essenstransport wie die Lieferung von Medizin – sie bringen also nicht nur das Mittag, sondern sie retten Leben.“

„Für die Dabbawallas ist der Essenstransport wie die Lieferung von Medizin – sie bringen nicht nur das Mittag, sondern sie retten Leben.“

Mustafa Demirtas

Ein Mann trägt mehrere übereinander gestapelte Metalldosen mit Deckel in einem lagerähnlichen Raum mit gestapelten Pappkartons auf dem Boden.


Der Berliner Mustafa Demirtas war gerade seit einigen Monaten damit beschäftigt, Lösungen zu entwickeln, wie man am umweltverträglichsten Essen und Trinken von zuhause mitnehmen kann, ohne zusätzliches Verpackungsmaterial zu verwenden. Der Unternehmer hatte 2014 mit „Eco Brotbox“ verschiedene plastikfreie Lebensmittelbehälter aus Edelstahl auf den Markt gebracht: Brotbüchsen, Frischhalteboxen, Trinkflaschen. Sie stehen heute in vielen Unverpackt-Läden, begleiten Schulkinder und Angestellte durch den Tag. Aber das reichte ihm noch nicht: Gerade im Bereich des Take-away-Essens steigt die Menge an Verpackungsmaterial seit Jahren. Pizzakartons, Assietten, Styroporbehälter. „Der Convenience-Faktor ist in diesem Bereich sehr hoch“, sagt Demirtas. Das heißt: Die Menschen sind bequem. Nur die wenigsten hätten für eine warme Mahlzeit ein eigenes Mehrwegbehältnis dabei, um es im Restaurant befüllen zu lassen. Und wenn doch, würde das Töpfchen oft aus Hygienegründen dann doch nicht befüllt.
 
Als der Unternehmer Demirtas in Indien war, um die damaligen Produktionsstandorte der Ecobox-Behälter zu besuchen, fielen ihm die verschiedenen Wallas auf. Manche hatten kleine Tee-Tabletts voller Tässchen dabei – die Chai-Wallas. Manche trugen Wasserkanister auf dem Kopf und einen Edelstahlbecher – die Pani-Wallas. Am interessantesten aber waren die Dabbawallas mit ihren mehrstöckigen Metall-Lunchboxen, auf Englisch „tiffin“ genannt. Warum gab es solche Behälter nicht hier? Demirtas wusste, dass auch in unserem Kulturraum in den fünfziger und sechziger Jahren die Grubenarbeiter ihr Mittag in so genannten Henkelmännern von zuhause mitgenommen hatten. Darin konnten die Eintöpfe und Suppen einfach im Wasserbad erwärmt werden. Vielleicht könnte die Tradition reanimiert werden? Demirtas startete verschiedene Projektphasen in Deutschland, um herauszufinden, wie ein Tiffin-Pfandsystem am besten gestaltet sein muss, damit sowohl Restaurants als auch Kunden so wenig Aufwand wie möglich haben. Convenient eben. Wem gehört das Töpfchen? Wer zahlt dafür Pfand? Und womit? Wie hoch darf die Gebühr dafür sein? Wer reinigt es? Mit einer Förderung im Rahmen des Förderfonds Trenntstadt Berlin und den Gewinnen von Eco Brotbox experimentierten er und seine Mitarbeitenden. „Damals wurden wir von vielen Gastronom:innen nicht ernst genommen“, sagt Mustafa Demirtas. „Ich fühlte mich manchmal wie Don Quichotte, der gegen Windmühlen kämpft.“ Das änderte sich, als das neue Verpackungsgesetz verabschiedet wurde. Das sieht vor, dass jedes Restaurant für seine Außer-Haus-Küche Mehrweglösungen ab 2023 anbieten muss.
 
Im Mai letzten Jahres hatten sie schließlich die Lösung: „Tiffin Loop“ – eine App, mit der man das nächste teilnehmende Restaurant in der Nähe finden kann. Dort bestellt man sein Essen, holt es in einer Tiffin-Box ab und zeigt einfach seinen persönlichen QR-Code. Das System erkennt so automatisch, wo der Mehrwegbehälter abgeblieben ist. Innerhalb von zwei Wochen kann er bei jedem Partner-Restaurant abgegeben werden, das am Tiffin-Loop teilnimmt – wenn nicht, werden 20 Euro Gebühr fällig. „Wir verzichten weiterhin konsequent auf Plastik“, sagt Demirtas. Und die sehr langlebigen Metallgefäße könnten am Ende ihres Lebens vollständig recycelt werden. „Wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, wo sich jeder Einzelne fragen muss, was er oder sie persönlich tut, um dem Klimawandel und den schrumpfenden Ressourcen entgegenzutreten. Wenn ich die Wahl habe, ob ich einen Mehrwegbehälter oder Einmal-Verpackungen verwende, dann ist das eine bewusste Entscheidung.“ Vielleicht ist Mustafa Demirtas darin den Dabbawallas gar nicht so unähnlich: Er will auch nicht nur das Mittag bringen, sondern auch ein bisschen unser Leben retten.

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Der goldene Kitt

Die Künstlerin Satoko Toyoda repariert zerbrochenes Geschirr mit der japanischen Kintsugi-Methode. Dabei werden Brüche nicht kaschiert, sondern mit Gold veredelt.

Satoko Toyoda steht vor den Scherben ihrer Existenz. Sie hat die Bruchstücke sorgfältig in Pappkisten ausgebreitet, die auf den Tischen im Berliner Konzept-Restaurant Thu My Marie stehen. Ringsum löffeln Menschen Ramensuppen, frittierte Fleischklöpse, Klebreis-Knödel. Es dampft Sencha-Tee aus Schalen. In einer Ecke zeichnet eine junge Japanerin mit lila Haaren bunte Ukiyo-e-Porträts, in der anderen werden Vintage-Kimonos zu Spottpreisen verkauft.

An den schweren Holztafeln sitzen bastelfreudige Frauen zwischen 25 und 65 und gucken zu Satoko Toyoda. Vor ihnen die Kiste mit Inban-Porzellan. Das ist mit hübschen blauen Ornamenten verziert. „Berliner Blau“, sagt Toyoda – das Pigment sei im 18. Jahrhundert durch Zufall von einem Preußen entdeckt und zum Standard des japanischen Inban-Geschirrs geworden. Nun ist es also wieder hier, in zerbrochenen Teilen, und soll mithilfe der Kintsugi-Reparaturtechnik wieder zusammengesetzt werden. Das japanische „kin“ heißt Gold, „tsugi“ ist die Verbindung – und genau darum geht es bei der Tradition. Vor dem Hintergrund des sich verbreitenden Zen-Buddhismus entwickelte sich im Japan des 16. Jahrhunderts auf Betreiben einiger Teemeister ein neues ästhetisches Prinzip – Wabi-Sabi. Nach diesem Konzept ist nicht die perfekte Schönheit das Höchste, sondern die verhüllte; nicht das unbefleckte Neue, sondern die Patina der Reife. Dazu passt Kintsugi – die Goldverbindung, die den Makel hervorhebt und den Bruch veredelt. Toyoda ist Restauratorin, die sich schon immer mehr für Dinge und Orte interessiert hat, die bereits eine eigene Geschichte mitbringen. „Restaurieren bedeutet für mich, Teil von einem uralten Objekt zu werden“, sagt sie. „Mich fasziniert es, sich mit der Geschichte direkt zu verbinden. Man kann an etwas Größerem teilhaben, als man jemals selbst erschaffen kann.“

„Restaurieren bedeutet für mich, Teil von einem uralten Objekt zu werden.“

Satoko Toyoda

Eine Asiatin sitzt an einem Tisch und legt sich die Scherben eines zerbrochenen Porzellangeschirrs zurecht. Auf dem Arbeitstisch stehen diverse Fläschchen.


Die Teilnehmerinnen des Workshops sollen Porzellanteile heraussuchen, um daraus eine Kette oder einen Räucherstäbchen-Halter zu puzzeln. „Alles passt zusammen!“, proklamiert eine Bastelfreudige am Tisch, das habe Gaudí so oder ähnlich gesagt oder gemeint, in jedem Fall gemacht. „Der hatte im Leben ja nun wirklich einige Scherben verpuzzelt!“ Sie legt vier Stückchen wie ein Mini-Mosaik zusammen, rührt vermummt in Plastikhandschuhe, langärmeligem Hemd und Gesichtsmaske eine Kleberpampe aus dem extrem allergieauslösenden Urushi-Harz, Fischleim und Klebreis an. Damit werden die Bruchkanten bestrichen und die Teile fixiert. Ziemliches Gefriemel – oder eben Vertiefung. „Geduld ist das Wichtigste beim Kintsugi“, weist Toyoda ihre Teilnehmerinnen an. Für ein Keramikobjekt, das sie in ihrer Werkstatt zuhause mit Kintsugi als Auftragsarbeit zusammensetzt, braucht sie manchmal mehrere Monate und es kostet oft mehr als ein ganzes neues Service. Die Tassen oder Teller sind oft auf eine besondere, sentimentale Weise wertvoll. „Ich frage nicht nach der Bedeutung eines Objekts für die Menschen“, sagt Toyoda. Aber in der Glasur die Verfärbung von Kaffee oder Tee zu erkennen, zeige ihr deutlich: Das sind die Spuren von gelebtem Leben.

 
Über solche oder andere Linien fahren die Frauen im Workshop mit zartem Pinsel und tragen Urushi und Kampferöl auf. Später werden diese Flächen mit Silberpulver – Gold war für diese Übung zu wertvoll – abgepudert.
 
Menschen im Westen würden auf Kintsugi alles Mögliche projizieren: Lebensbrüche, Scheidungen, Karriereknicks. Im gerade erschienenen Roman „Kintsugi“ schreibt die Autorin Miku Sophie Kühmel zum Beispiel über eine unperfekte Liebesbeziehung und erklärt auf dem Klappentext, dass man von Kintsugi lernen könne, dass Schönheit nicht in der Perfektion zu finden sei, „sondern im guten Umgang mit den Brüchen und Versehrtheiten“. „Wenn ich mit den Händen arbeite, habe ich keine Zeit, über die Philosophie nachzudenken“, sagt Toyoda. „Mit dem Objekt auf dem Tisch wird alles andere zur Nebensache.“
 
Für die in Kyoto, Stuttgart und Berlin ausgebildete Restauratorin ist es dagegen einfach eine Möglichkeit, Material zu erhalten. Upcycling im traditionellsten Sinne, könnte man sagen. Die verwendeten Kleberbestandteile – Urushi-Harz, Fischleim, Klebreis, Steinpulver – sind außerdem alle biologisch abbaubar. Nur die Einweghandschuhe stehen dem Zero Waste im Weg.
 
An den Holztischen packen die Frauen ihre zerbrechlichen Mosaike in mitgebrachte Dosen. Sie sehen stolz aus. Kintsugi zeigt, dass Reparatur eine Option ist. Dass wir nicht immer Neues brauchen oder produzieren. Einige fragen Toyoda danach, wann sie eine ganze Tasse mit Kintsugi kleben lernen können. Es ist schwierig, denn die Nachfrage nach der Goldklebetechnik nimmt ständig zu. Nicht nur, weil es sinnvoll ist, die Lebensdauer von Gegenständen zu verlängern, sondern, weil es eine herausfordernde Beschäftigung mit Materialität ist. „Wenn etwas Spaß macht, kann man Menschen zu einem Umdenken bewegen“, sagt Satoko Toyoda. „Am Ende geht es dabei doch um Liebe.“

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Lies hier das zur Titelgeschichte gehörende Interview

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